19. Juni 2026

Interview mit Menschenrechtsanwalt Carlos Montoya 

 

 

Über Pfingsten war der Menschenrechtsanwalt Carlos Montoya von der mexikanischen Organisation CEREAL bei uns zu Gast. CEREAL unterstützt Betroffene in den Lieferketten bei der Wahrnehmung ihrer Rechte und hat die WM-Hostcity Guadalajara in Menschenrechtsfragen beraten.
Auf Einladung von Südwind besuchte Carlos Wien und Berlin. Am Freitag, den 22.5., hatte ihn das Fanprojekt der Sportjugend Berlin zum Fanfinale eingeladen. Dreißig junge Fußballer lauschten gebannt den Erzählungen von Carlos über die Menschenrechtslage in Mexiko im Schatten der WM. Vortrag und Diskussion wurden von Rico Noack vom Berliner Verein Gesellschaftsspiele e.V. moderiert und von Finn Hingst kompetent übersetzt. Ein angenehmer Abend unter Fußballbegeisterten.
Samstag war Matchday. Wir hatten für Carlos Tickets für das Berliner wie für das DFB-Pokalfinale besorgt. Leuchtende Augen. Ein wunderbarer Tag.
Nachdem Carlos zuvor schon dem Sportjournalisten Ronny Blaschke ein Interview gegeben hatte, nahm sich Kathie Hoffmann von Sport handelt fair am Pfingstsonntag viel Zeit, um mit Carlos ausführlich über die Bedingungen in den mexikanischen Textilfabriken zu sprechen, über die Beratungsbedürfnisse der vornehmlich weiblichen Beschäftigten und die Möglichkeiten, die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Umgekehrt berichtete Kathie von den Aktivitäten von SHF. Ein Austausch auf Augenhöhe.
Ein Wochenende, wie es sein soll: informativ und gesellig.

Danke an unseren Partner von Gesellschaftsspiele e.V. die sich um die Organisation und Betreuung von Carlos gekümmert haben.

Bilder von seinem Aufenthalt in Berlin findet ihr auf Instagram. 


Kathi Hoffmann: Willkommen! Wir sitzen hier zwar schon eine halbe Stunde zusammen, aber könntest du dich für das Protokoll noch einmal kurz vorstellen? Wer bist du und warum bist du hier?

Carlos Martinez Montoya: Mein Name ist Carlos Martinez Montoya. Ich bin auf Einladung zweier NGOs hier – einer aus Wien und einer aus Berlin –, um über Menschenrechte zu sprechen. Dabei geht es insbesondere um die Situation in Mexiko im Hinblick auf die kommende FIFA-Weltmeisterschaft und deren Auswirkungen auf Arbeitsrechte und die Gesellschaft. Wir vergleichen das mit Katar und Brasilien und schauen uns an, ob die FIFA ihren Ansatz geändert hat. Außerdem spreche ich über Lieferketten und Arbeitsrechte in Mexiko, speziell im Kontext des USMCA-Abkommens und des neuen Freihandelsabkommens zwischen der EU und Mexiko.

Kathi Hoffmann: Wie würdest du die aktuelle Situation der Arbeitsrechte und Gewerkschaften in Mexiko beschreiben? Was hat sich in letzter Zeit verändert?

Carlos Martinez Montoya: Das ist komplex. Wir haben in der Verfassung (Artikel 123) eigentlich einen sehr fortschrittlichen Rahmen für soziale Rechte. Das Problem ist die Kluft zwischen Gesetz und Realität. Korruption in unseren Institutionen führt dazu, dass bestehende Gesetze oft nicht angewendet werden. Dennoch gab es in den letzten sechs Jahren unter der aktuellen Regierung Bemühungen, die Bedingungen für die Arbeiterklasse zu verbessern, etwa die „Ley Silla“ (das Recht, sich während der Arbeit hinzusetzen) oder die Initiative zur Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 40 Stunden.

Kathi Hoffmann: Du hast vorhin von „Sindicatos Charros“ gesprochen. Was hat es damit auf sich?

Carlos Martinez Montoya: Ein „Charro“ ist eigentlich ein mexikanischer Cowboy. In diesem Kontext bezeichnen wir so Gewerkschaften, die eher den Interessen der Fabrikbesitzer und des Kapitals dienen als denen der Arbeiter. Sie konzentrieren sich auf Macht und Geld, statt die Arbeitsbedingungen positiv zu beeinflussen. Es gibt zwar unabhängige Gewerkschaften, aber sie haben es schwer, einen realen Einfluss auszuüben.

Kathi Hoffmann: Wie sieht es mit den Löhnen aus? Reicht der Mindestlohn zum Leben?

Carlos Martinez Montoya: Der Mindestlohn liegt umgerechnet bei etwa 15 Euro pro Tag. Das reicht definitiv nicht für ein würdevolles Leben („Living Wage“). Man müsste etwa das Dreifache verdienen, um Miete und Lebenshaltungskosten vernünftig zu decken. Die Mehrheit der mexikanischen Gesellschaft hat kaum wirtschaftliche Macht.

Kathi Hoffmann: Hat die Weltmeisterschaft in Mexiko Auswirkungen auf diese Arbeitsrechte? Erwartest du positive oder negative Veränderungen?

Carlos Martinez Montoya: Es gibt ein Risiko. Wir befürchten für die Zeit der WM unbezahlte Überstunden und Ausbeutung. Besonders besorgniserregend ist die mögliche Zunahme von Zwangsprostitution und Kinderarbeit. In Mexiko ist Kinderarbeit, zum Beispiel in der Landwirtschaft (Beeren-Ernte) oder auf den Straßen der Großstädte, leider immer noch präsent. Wir versuchen zusammen mit Institutionen und NGOs, präventiv dagegen vorzugehen.

Kathi Hoffmann: Ich habe heute Morgen gelesen, dass Adidas ein Mexiko-Trikot herausgebracht hat, das von Frauen handgestickt wurde. Die Frauen sollen dabei nicht einmal den Mindestlohn erhalten haben. Kennst du diesen Fall?

Carlos Martinez Montoya: Ich habe auch davon gelesen. Es ist ein klassisches Beispiel für kulturelle Aneignung und Ausbeutung. Marken schmücken sich mit dem Handwerk indigener Gruppen, zahlen ihnen aber Hungerlöhne, die weit unter dem liegen, was für das Endprodukt verlangt wird. Das ändert nichts an der prekären Realität dieser Menschen.

Kathi Hoffmann: Was ist deine Meinung zur Rolle der FIFA? Sieht sie sich in der Verantwortung?

Carlos Martinez Montoya: Die FIFA ist oft sehr abgekoppelt von der Realität vor Ort. Sie verlangen von den Gastgeberstädten, Menschenrechtsstandards einzuhalten, bieten aber oft nicht die nötige Unterstützung bei der Umsetzung. Die Städte stehen dann allein da und müssen Tools entwickeln, um die Risiken zu minimieren. Wir hoffen, dass der öffentliche Druck etwas ändert, aber wir wissen es erst, wenn die Spiele beginnen.

Kathi Hoffmann: Was wünschst du dir von Deutschland und der internationalen Gemeinschaft für die kommenden Jahre?

Carlos Martinez Montoya: Ich wünsche mir, dass Deutschland weiterhin das Lieferkettengesetz unterstützt und stärkt. Wir hatten Programme mit der GIZ, die aufgrund mangelnden Interesses der Unternehmen und politischer Unsicherheiten gestoppt wurden. Es ist wichtig, dass Entscheidungen in Europa die Auswirkungen in Entwicklungsländern wie Mexiko mitberücksichtigen. Wir brauchen internationale Kooperation, um Gewalt, Ungleichheit und Diskriminierung wirksam zu bekämpfen.

Kathi Hoffmann: Vielen Dank für das Gespräch, Carlos.

 

(Das Interview wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt.)

 

Vielen Dank an Carlos und alle Beteiligten, die seinen wichtigen Besuch unterstützt haben!